Der Schweizer Carl Gustav Jung (1875-1961) war einer der bedeutendsten Psychologen und Psychiater des 20. Jahrhunderts, Begründer der analytischen Psychologie sowie ein aufmerksamer Beobachter der westlichen Zivilisation. In seinem Werk „Zivilisation im Übergang“ zeichnet er ein äußerst interessantes Bild unserer heutigen Welt sowie der Probleme, mit denen sich viele Menschen in ihr konfrontiert sehen. Es sind eine Reihe von Themen, die sein Buch wie einen roten Faden durchziehen und den Leser im Laufe seiner Lektüre begleiten. Besonders hervorzuheben sind sicherlich die Entwurzelung und die Orientierungslosigkeit des modernen Menschen, der post-aufklärerische Atheismus und der Religionsersatz in der Form des allmächtigen Staates.

Das Zeitalter der Massen

Jung identifiziert das Ende des Agrarzeitalters als den Beginn all jener genannten Entwicklungen, wenn er schreibt: „Als Folge der Industrialisierung waren weite Kreise der Bevölkerung entwurzelt und in großen Zentren zusammengepfercht worden. Diese neue Daseinsform – mit ihrer Massenpsychologie und sozialen Abhängigkeit von den Schwankungen der Märkte und Löhne – brachte ein Individuum hervor, das unbeständig, unsicher und leicht zu beeinflussen war.“

Der Übergang von der Agrar- zur Industriewirtschaft, die Wanderung großer Menschenmassen vom Land hinein in die urbanen Zentren, das (Ver-)Schwinden des Einflusses von Adel und Religion, die dadurch verursachte Neuordnung der gesellschaftlichen Hierarchie: All das waren die Geburtswehen jener neuen Epoche, die Gustave Le Bon das „Zeitalters der Massen“ taufte, und mit deren Begleiterscheinungen Jung sich auseinandersetzt.

Darüber, was die Ursache jener Industrialisierung war, wird noch immer leidenschaftlich gestritten. Manche Historiker heben die philosophische Grundlage hervor, verweisen auf den während der Renaissance aufkommenden Individualismus und den Vernunftgedanken der Aufklärung. Für Ludwig von Mises hingegen war es schlicht ein aus der Not der englischen Landbevölkerung geborener Unfall, der sich im Anschluss über das Vereinigte Königreich, Europa und die Welt ausbreitete.

Carl Jung beschäftigt sich in „Zivilisation im Übergang“ auch mit den Auswirkungen, die diese gesellschaftlichen Umwälzungen auf das Weltbild und das Selbstverständnis der Europäer hatten. So lieferten im Mittelalter noch religiöse, zeitlose Schriften den Entwurf für ein ideales Leben, und hielten die Regeln bereit, deren Befolgung Glück und Erfüllung versprach. Mit dem Beginn der Moderne trat an die Stelle der stetigen biblischen Schrift nun die wissenschaftliche Erkenntnis, mit der man fortan die irdische Welt zu formen und perfektionieren versuchte. Individuen waren nicht länger in Gottes Ebenbild geschaffen, sondern anonyme Einheiten, die es zu manipulieren und zu formen galt.

Der Staat als abstrakter Ersatz der Individualität

Jung hilft uns dabei die Folgen dieser Weichenstellung für das Innenleben der Menschen zu verstehen. So heißt es in seinem Buch: „Man darf die psychologische Wirksamkeit des statistischen Weltbilds nicht unterschätzen: Es verdrängt das Individuelle zugunsten anonymer Einheiten, die sich in Massenbewegungen anhäufen. Damit treten an die Stelle des konkreten Einzelwesens Namen von Organisationen und an höchste Stelle der abstrakte Begriff des Staates als das Prinzip der politischen Realität. Unvermeidlich wird damit die moralische Verantwortlichkeit des Einzelnen durch die Staatsräson ersetzt. An die Stelle der moralischen und geistigen Differenzierung des Individuums treten öffentliche Wohlfahrt und Erhöhung des Lebensstandards.“

Er fährt fort: „Das Ziel und der Sinn des Einzellebens (welches ja das einzig wirkliche Leben ist!) liegt nicht mehr in der individuellen Entwicklung, sondern in der von außen dem Menschen aufgepreßten Staatsräson (…). Dem Individuum wird die moralische Entscheidung und Führung seines Lebens zunehmend entzogen, und es wird dafür als soziale Einheit verwaltet, ernährt, gekleidet, ausgebildet, in entsprechenden Unterkunftseinheiten logiert und amüsiert, wofür das Wohlbefinden und die Zufriedenheit der Masse den idealen Maßstab abgeben.“

Dies hat eine Vielzahl von Folgen. Zum einen verursacht es in dem Individuum ein Gefühl der Bedeutungslosigkeit. Nachdem ihm bereits der christliche Leitfaden für ein gelungenes Leben abhanden gekommen ist, gerät es nun selbst in den Hintergrund und muss mit ansehen, wie „das größte Glück der größten Zahl“ ins Rampenlicht tritt. Aus dieser Vernachlässigung heraus entsteht der Wunsch nach Kompensation, nach dem Wiedererlangen vom Sinn der eigenen Existenz.

Carl Jung stellt diesbezüglich mit Bedauern fest, dass dies in „den Ausbruch bisher ungekannter Machtgelüste“ mündet. Das Individuum beginnt das Gefühl der Macht, das ihm abhanden gekommen ist, in übergeordneten Kollektiven zu suchen, sich mit jenen zu identifizieren und sie zu glorifizieren. So schreibt er: „Wenn aber der Einzelne, im überwältigenden Gefühl seiner Winzigkeit und Futilität, den Sinn seines Lebens, der sich ja keineswegs im Begriff der öffentlichen Wohlfahrt und des höheren Lebensstandards erschöpft, verliert, dann befindet er sich schon auf dem Wege zur Staatssklaverei und ist, ohne Wissen und Willen, zu deren Wegbereiter geworden.“

Der Ausweg: Zum “Einzelwesen werden”

Als Weg aus dieser Misere schlägt er den der Individuation vor. Im Text heißt es hierzu: „Widerstand gegen die organisierte Masse kann nur der leisten, der in seiner Individualität ebenso organisiert ist wie die Masse.“

Das wiederum wirft die Frage auf wie man zum Individuum wird. In Band sieben seiner Gesammelten Werke heißt es hierzu: „Individuation bedeutet: zum Einzelwesen werden, und, insofern wir unter Individualität unsere innerste, letzte und unvergleichbare Einzigartigkeit verstehen, zum eigenen Selbst werden. Man könnte ‚Individuation‘ darum auch als ‚Selbstverwirklichung‘ übersetzen.“

Jungs Werk im Bezug auf die Selbstverwirklichung des Einzelnen an dieser Stelle gänzlich wiederzugeben, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Jedoch sei gesagt, dass er darunter in jedem Fall verstand die zur jeweiligen Zeit vorherrschenden kollektiven Ängste und Sichtweisen zu ignorieren, um zu sich selbst finden und aus der gleichförmigen Masse herausragen zu können. Als zentralen Schritt in diesem Prozess sieht Jung die Konfrontation mit dem eigenen Schatten, d.h. die Bewusstwerdung zuvor unterdrückter Charaktereigenschaften. Nur so ließe sich dem eigenen Gesetz und der eigenen Bestimmung folgen. Anfeindungen von Konformisten müsse man erwarten und hinnehmen. Wessen man nun bezichtigt würde, des Egoismus oder der „eremitenhaften Eigenbrödelei“, sei irrelevant, solange man nur selbstbewusst weiter den eigenen Weg beschreite.

Jung sah sich mit derartigen Ansichten gewissermaßen derselben Kritik ausgesetzt wie wir heute. Von allen Seiten wird mehr und mehr kollektive Anstrengung gefordert, die Aufgaben, denen sich unsere Gesellschaft gegenübersieht, werden als monumental und beispiellos beschrieben, und seien nur im Großen zu lösen. Was selbstverständlich nur einen Akteur übrig lässt, der dafür infrage kommt.

Der Einzelne hingegen hat seine Rolle als kleines Rädchen im Getriebe zu akzeptieren. Dass er bei der Lösung unserer Probleme nicht übergangen werden kann, sondern zentral und unverzichtbar ist, leuchtet unseren zahlreichen Gesellschaftsklempnern und ihren zujubelnden Komplizen nicht ein. Mag dieser Ansatz auch nicht der intuitivste sein, so geht er doch an die Wurzel des Problems und sieht von all jenen Maßnahmen ab, die den Karren bereits zuvor in den Dreck gefahren haben.

Dem Vorwurf seine Ideen seien realitätsfremd oder zu idealistisch entgegnete Carl Jung mit den folgenden Zeilen, die in diesen Tagen auch uns als Orientierung dienen dürften: „Klein und verborgen ist die Pforte, die sich ins Innere öffnet, unzählig sind die Vorurteile, Voraussetzungen, Meinungen und Ängste, welche den Zugang verwehren. Man will von großen politischen und Wirtschaftsprogrammen hören, ausgerechnet von jenen Dingen, welche die Völker stets in den Sumpf hineingeführt haben. Darum klingt es grotesk, wenn einer von verborgenen Pforten, vom Traum und von einer Welt des Inneren spricht. Was will solcher dunstiger Idealismus neben einem gigantischen Wirtschaftsprogramm, neben den sogenannten Realitätsproblemen? Ich spreche aber nicht zu Nationen, sondern bloß zu einzelnen, wenigen Menschen, unter denen es als ausgemachte Sache gilt, daß unsere Kulturwirklichkeiten nicht vom Himmel herunter fallen, sondern in letzter Linie von uns einzelnen Menschen gemacht werden. Geht die große Sache schief, so geschieht dies bloß darum, weil die Einzelnen schief sind, weil ich schief bin. Also werde ich vernünftigerweise zuerst einmal mich selber geraderichten. Dazu bedarf ich, weil Autorität mir nichts mehr sagt, eines Wissens und Erkennens der eigensten, innersten Grundlagen meines subjektiven Wesens, um auf die ewigen Tatsachen der menschlichen Seele mein Fundament zu gründen.“  

Beitragsbild: Poulsen/Wikimedia gemeinfrei


Dieser Gastbeitrag stammt aus der Feder von Lukas Abelmann, Student der Betriebswirtschaftslehre, und wurde auf der Seite eigentümlich frei erstveröffentlicht. Grundlage bildet das Video „Carl Jung and the spiritual problem of the modern individual“

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