Sich selbst verlieren, um die Unendlichkeit des Lebens zu erkennen
»Das grüne Gesicht«, Roman von Gustav Meyrink (1916)

Gustav Meyrinks phantastisch-okkultischer, aber auch sehr düsterer Roman “Das grüne Gesicht” führt den Leser tief in die verschachtelte Welt der Spiritualität, wie sie der Mensch in den stillen Stunden seines Alltags oft erfährt. Sei es im Lebensüberdruss oder in der Liebe. Auch dem Hauptprotagonisten ergeht es so, einem depressiven, dem Selbstmord nahen Österreicher, der sich in den Gassen Amsterdams nach dem 1. Weltkrieg in Okkultismus, Kabbala und jüdischer Sektiererei verliert. Meyrink skizzierte in weiser Voraussicht eine Post-Kriegs-Gesellschaft, die dem Überdruss verfallen, krampfhaft nach den letzten Funken an Hoffnung sucht. 

Sinnierend über das Leben und den Wert des selbigen dahinter, versucht der Hauptprotagonist einen Ausweg aus den ewig quälenden Fragen zu finden und stößt dabei mit einer Gruppe von Freunden auf die Legende des grünen Gesichts, ebenso aber auch auf die Liebe, die ihm bisher in dieser Form fremd war. Bald reihen sich beklemmende Visionen und Ereignisse aneinander und es fällt schwer, dem Handlungsstrang noch logisch zu folgen. Auch das ist der Sinn dieses Romans, der versucht, in vielen Anspielungen auf die buddhistische Philosophie des ewigen Lebens (der Autor konvertierte zu Lebzeiten zum Buddhismus), den Leser für die vielen geistigen Ebenen des Seins und ein Leben nach dem Tod zu sensibilisieren. Es ist kein Werk für Materialisten und rein mit dem Verstand und der Logik denkende Menschen, sondern für Träumer und Optimisten. Als irgendwann eine rätselhafte Tagebuchrolle auftaucht, nimmt das Phantom Gestalt an und die Geschichte nimmt einen verhängnisvollen aber doch zufriedenstellenden Verlauf. 

Gemeinsam mit seinem Vorgängerroman “Der Golem”, angesiedelt in einem ebenso düster wie faszinierenden Prag, bildet “Das grüne Gesichts” Meyrinks zeitgenössischen Beitrag zur um die Jahrhundertwende und kurz danach wieder aufgelebten Literaturströmung der “schwarzen Romantik”, die sich dem irrationalen, melancholischen und “bösen” im Menschen widmete. Als Gegenbewegung zur Rationalität und Herrschaft der Vernunft der Aufklärung, ist diese Literatur von hohem kritischen Stellenwert, da sie auch auf die finsteren Ecken menschlichen Denkens ein literarisches Schweinwerferlicht richtet. 

Beitragsbild: Van Gogh – Blick auf Amsterdam vom Hauptbahnhof/Wikimedia, gemeinfrei

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