Von Segen und Qualen eines Leben und Denkens in der absoluten Gegenwart
Das glücklichste Volk: Sieben Jahre bei den Pirahã-Indianern am Amazonas, Bericht von Daniel L. Everett (2009)

Wie entwickelt sich eine Kultur und darauf aufbauend ein alltägliches Leben, wenn Denken und Handeln des Einzelnen sowie des Kollektivs einzig und alleine in der Gegenwart verwurzelt sind? Wenn es weder die entfernte Vergangenheit noch Zukunft gibt und die Sprache durch das Erlebbare determiniert wird? Diesen und vielen anderen Fragen kultureller Anthropologie und Psychologie ging der ehemalige Missionar und Sprachwissenschaftler Daniel Everret in seinem lesenswerten, autobiographischen Werk anhand seiner eigenen Lebenserfahrungen bei den Pirahã-Indianern im Amazonasgebiet nach. Insgesamt sieben Jahre verbrachte der US-Amerikaner dort, um die Kultur und Sprache eines der außergewöhnlichsten und mit westlichen Maßstäben wahrscheinlich am schwierigsten einzuordnenden Völker dieser Erde zu studieren und zu beschreiben. Dabei gliedert sich die Schilderung Everetts für den Leser in drei Teile: Erstens seine Erfahrungen als überzeugter und unbeirrbarer Missionar im Regenwald bei einem scheinbar primitiven Volk, das durch seine Lebens- und Denkweise auch die selbigen des Außenstehenden komplett verändert. Zweitens in einen spannenden Abenteuerbericht über Alltag, Gefahren und Lebensweise der Pirahã und drittens in eine sehr theoretische Abhandlung über die linguistischen und sprachwissenschaftlichen Einzigartigkeiten der Sprache des Indianerstammes.

Ein Leben in anderen Kategorien

Was auffällt und den Reiz des Buches ausmacht, ist der Einblick in die zu westlichen Vorstellungen des sozialen Miteinanders grundverschiedene Lebensweise der Pirahã (die nur rund 400 Mitglieder zählen), die durch ihr klares und lineares Denken maßgeblich vorgegeben wird. Man kennt weder übermäßigen Groll und Hass, dafür umso mehr die Freude und das Glück am Leben in einer der schönsten aber auch unwirtlichsten Regionen dieser Welt. Jeder Tag könnte der letzte sein und gerade deshalb ist die Eigenverantwortung in dem Stamm – wobei loses Kollektiv als Organisationsform besser zutreffen würde – das höchste aller Güter. Das Individuum ist zunächst sich selbst am nächsten, dann seiner Kernfamilie verpflichtet und erst danach allen anderen. Dies bedeutet allerdings nicht, dass ein grassierender Egoismus vorherrscht, das Gegenteil ist der Fall: Auch Außenstehende können sich bedingungsloser Hilfe erfreuen, wo diese benötigt wird. Kinder sind Erwachsenen absolut gleichberechtigt und lernen von Klein an, sich in ihre fordernde Umwelt zu integrieren und richtig mit dieser zu interagieren. Es gibt weder Anführer noch Herrscher, die kollektive Ausgrenzung dient als einziges und erfolgreiches Mittel sozialer Disziplinierung. Daher ist die soziale Ordnung auch auf das mindeste notwendige Level reduziert. Ebenso verhält es sich mit der politischen und ökonomischen Ordnung. Materialismus und komplexe Organisation widersprechen den Bedürfnissen der Pirahã.

Das unmittelbar Erlebbare ist das wichtigste und kulturell sowie sozial einende Merkmal der Pirahã. Sowohl Sprache als auch Handeln und Denken haben sich darum gebildet, was dazu führte, dass dieses Volk weder einen Entstehungsmythos, samt Geschichte, noch einen Glauben an Gottheiten oder zukünftige Entwicklungen aufweist. Folglich war auch jegliche Missionierungstätigkeit seit dem Erstkontakt mit europäischen Bürgern vergebens, da Geschichten über nicht Erlebbares und weit Vergangenes weder Bedeutung noch Interesse bei den Indianern hervorrufen. Im Gegenteil: trotz aller Kontakte mit der westlichen Zivilisation, behielten die Pirahã ihre Vorstellungen von der Welt, was wahrscheinlich auch an der einzigartigen Sprache liegt, die außer Everett kaum ein anderer Außenstehender versteht. Wissen wird somit nur durch Augenzeugenberichte weitervermittelt und das dürfte für ein zufriedenes (Über)Leben auch reichen. Dabei unterscheiden die Indianer genau, ob derjenige, der etwas erzählt, das gesehen und gehört hat oder nur vom Hörensagen kennt. Everett widerlegte mit seiner Forschung zudem die von Noam Chomsky postulierte Generaltheorie, wonach alle Sprachen der Welt eine Universalgrammatik aufweisen würden. Nur einer der vielen unerklärbaren Phänomene, die die Pirahã aufweisen. Neben dem Fehlen von Wörtern für Farben und Mengen in ihrer Sprache, kennen sie im Vergleich zu anderen Indianern der Region auch keine Anhäufung von Dingen und das Erstellen komplizierterer Werkzeuge und Behelfsmittel. Das gesamte Leben ist auf den unmittelbaren Moment und dessen Bewältigung ausgerichtet.

Letztlich gibt es bei den Pirahã auch keine Unterscheidung zwischen verschiedenen Dimensionen oder Zuständen des Geistes. Träume sind ebenso ein fixer Bestandteil der Wirklichkeit (weil Erlebbar) wie der Wachzustand, was auch dazu führt, dass die Indianer Dinge wahrnehmen, die dem westlichen Beobachter und seinen Sinnen verborgen bleiben. 

Natürlich beinhalten die Erfahrungsberichte Everetts auch verstörende Elemente. Auch in der Pirahã-Kultur kommt es selten aber doch zu Gewalt und scheinbar rücksichtslosem Verhalten. Nahezu alles davon lässt sich aber durch äußere Einwirkungen (betrügerische Absichten und die Versorgung mit Alkohol durch Außenstehende) oder mit der scheinbar egoistischen Überlebensphilosophie der Eigenverantwortung in Kombination mit dem unmittelbar Erlebten erklären. Letztlich ist das Fehlen von Vergangenheit und Zukunft der simple Schlüssel zum Glück, wie das Buch meint, da das oftmals zermürbende Denken über nicht (mehr) erlebbare Dinge wegfällt. 

Beitragsbild: © documentraytube.com

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