Im Laufe der Jahre werden dem ein oder anderen Leser mit Sicherheit schon die Begriffe “Darknet”, “Deep Web” oder “Dark Web” untergekommen sein. Hinter diesen Begriffen steht vor allem eines: staatliche Desinformation und die Angst vor Machtverlust. Denn anders als uns Medien und Regierungen seit einigen Jahren glauben lassen wollen, ist der verborgene Teil des Internets, samt all seiner geheimen Ecken und Schwarzmärkte, kein archaischer, gefährlicher und krimineller Ort für Personen, die “Böses im Schilde” führen. Das Gegenteil ist der Fall: Das Darknet ist ein virtuelles, libertär-anarchistisches Utopia, dass – nach Konkin III. – als große “Gegenwirtschaft” begriffen werden kann und sich größtenteils an den Regeln des freien Marktes und des Voluntarismus orientiert.

Vorliegender Artikel versucht daher, basierend auch auf Eigenerfahrungen, die Mythen rund um das Konzept des Schwarzmarktes und den dezentralen, anonymen und herrschaftsfreien Raum namens Darknet auszuräumen. Dabei wird am Beispiel “Ross Ulbricht” auch auf die Rolle des Staats sowie dessen Geheimdienste und deren willkürlicher Agitation gegen Nutzer des Darknet eingegangen. Aus aktuellem Anlass: Denn die Zensurmaßnahmen gegen das regulierte Internet, wie wir es hier benutzen, nehmen mittlerweile ungeahnte Ausmaße an, weshalb nicht wenige Regimekritiker, Dissidenten und Nonkonformisten die Flucht in den Untergrund des World Wide Web antreten. 

Darknet: Das wirklich freie Internet

Über die Funktionsweise und die Ursprünge des Darknets existieren in unserem “oberflächlichen Internet” mittlerweile unzählige Artikel und Videos, die jeder Leser nach einer kurzen Suche auffinden und für sich selbst einordnen kann. Daher wird auf eine detaillierte Einführung in Historie und Funktionsweise an dieser Stelle verzichtet. Ebenso wie nahezu alle Kommunikationstechnologien, so wurde auch das Internet ursprünglich von US-Militärs in Kooperation mit Geheimdiensten entwickelt, um sichere und anonyme Informations- und Transfersysteme benutzen zu können. Beim Darknet handelt es sich um nichts anderes als ein Rechner-zu-Rechner-Netzwerk, das über eine Applikation namens “Tor” ein Netz aus Servern überall auf der Welt benutzt, um anonym und dezentral zu funktionieren. Die Verbindungen werden manuell unter den Teilnehmern hergestellt. Es ist also ein “Ur-Internet”, da dieses in seinen Anfängen genau so aufgebaut war. Nicht zu verwechseln ist in diesem Kontext das Darknet mit dem “Deep Web”, welches einfach nur den Teil des World Wide Webs, der bei einer Recherche über normale Suchmaschinen nicht auffindbar ist, abbildet. Es handelt sich zu großen Teilen aus themenspezifischen Datenbanken und Webseiten, die nicht für jedermann auffindbar sein sollen. Das Darknet ist somit Bestandteil des Deep Webs. Der Zugang dazu ist allerdings nicht ein exklusives Privileg technikaffiner Menschen, “IT-Nerds” und Programmierer. Jeder lernwillige Internetnutzer hat nach ein wenig Recherche und Übung die Möglichkeit, selbst im Darknet Erfahrungen zu sammeln und künftig vielleicht auch seine gesamten Onlineaktivitäten dorthin – in die Anonymität – zu verlagern. Es ist wie immer, wenn es um Freiheit in der Ära des neuen Totalitarismus geht: Sie muss durch Theorie und Praxis errungen werden. 

Natürlich bleibt, wie bei allen militärischen Technologien, die irgendwann für den Massenkonsum adaptiert wurden, ein schaler Beigeschmack. Was ist die wahre Intention hinter dieser Technologie, warum sollen wir sie benutzen, wird sie gegen uns eingesetzt und was für einen Nutzen ziehen letztlich die Entwickler und ihre Auftraggeber (Regierungen, mächtige Interessengemeinschaften, etc.) daraus? Jedenfalls haben Internet ebenso wie andere Kommunikationstechnologien dazu beigetragen, dass Staaten und Regierungen ihre Bürger in einem noch nie dagewesenen Ausmaß überwachen, steuern, indoktrinieren und kategorisieren können. Auf der anderen Seite ist es Individuen wie Kollektiven noch nie so einfach möglich gewesen, an Informationen zu gelangen, diese zu verbreiten, sich weltweit zu organisieren und so Innovationen wie Widerstand voranzutreiben. Ob nun der virtuelle Raum, samt seiner vermutlich dahinterstehenden künstlichen Intelligenz, letztlich zu einer größeren Versklavung der Menschheit führt oder ihr im Kampf um Freiheit nützlich ist, muss in einem gesonderten, philosophischer angelehnten Beitrag behandelt werden. Ein eindeutige Antwort wird man auf diese Frage womöglich nie erhalten. Es kann jedoch festgehalten werden, dass das Darknet allem Anschein nach zu einem unkontrollierten Selbstläufer anonymer, dezentraler und anti-autoritärer Vernetzung wurde, weshalb es seit Jahren von Behörden rund um den Globus massiv, jedoch relativ erfolglos, bekämpft wird. 

Der Schwarzmarkt als Gegenwirtschaft

Um unterdrückenden Mechanismen, wie beispielsweise unseren Steuersystemen, unserem Geldsystem oder unserer willkürlichen Bürokratie samt (Behörden-)Rechtssprechung zu entgehen, haben sich seit jeher neben der Realwirtschaft und dem kontrollierten Markt auch Schwarzmärkte herausgebildet. Der Schwarzmarkt ist ein komplexes und multidimensionales soziales Phänomen, das von unterschiedlichsten politischen wie ökonomischen Theorien divergent und oft kontrovers diskutiert wird. Das zugrunde liegende Merkmal des Schwarzmarktes ist eine Reihe von Aktivitäten, die die regulatorischen und administrativen Standards der formellen oder offiziellen Wirtschaft umgehen, nicht der Regierung gemeldet werden, nicht von nationalen System erfasst werden, das Steuersystem umgehen und in einigen Fällen auch einfache kriminelle Produkte und Dienstleistungen darstellen. Die Schwarzmarktwirtschaft ist, wenn Handelsentscheidungen nicht das Ergebnis von Zwang sind, ein freier Markt, weil es per Definition in diesem Raum keine staatliche Intervention gibt.

In der libertären und auch anarchistischen Denkschule wird der Schwarzmarkt auf zwei koextensive Weisen erfasst. Erstens wird dieser Sektor als eine natürliche Folge der Tatsache gesehen, dass “der Markt die Summe aller menschlichen Wünsche verkörpert”, unabhängig davon, wie die Öffentlichkeit oder die Regierung einige dieser Wünsche beurteilt. So existieren Schwarzmärkte bei bestimmten Waren und Dienstleistungen, die stark nachgefragt sind, obwohl Regierungen sie gänzlich verbieten können (d.h. Drogen, Pornografie und Prostitution). Zweitens sehen Libertäre solche Märkte als einen Indikator für eine ungesunde Regierungspolitik, die ihre Bürger dazu zwingt, ihre Aktivitäten im Untergrund zu betreiben. Zu diesen Politiken gehören staatliche Preiskontrollen, Rationierungsregelungen, diskriminierende Besteuerung, Versuche der Regierung, Produkte zu monopolisieren und extreme Steuersätze für ansonsten völlig legitime Löhne, Gehälter und Gewinne kleiner Unternehmen. Darüber hinaus entstehen Schwarzmärkte auch in temporären Dienstleistungs- und Niedrigkapitalberufen, in denen eine Erkennung und Durchsetzung durch die Regierung unwahrscheinlich ist (freiberufliche Handwerker, Haushaltsbedienstete, temporäre Tagelöhner usw.).

Einer der prominentesten libertären Verfechter des Schwarzmarktes war der US-amerikanische Theoretiker Samuel Edward Konkin III. In seinem neulibertären Manifest plädierte Konkin III. in den 1980er Jahren für die verstärkte Verlagerung der ökonomischen Aktivitäten jedes Individuums in den informellen, unregulierten und unbesteuerten Sektor, um so aktiven wie passiven Widerstand gegen den Staat und seine Institutionen zu leisten und eine “Gegenwirtschaft” zu etablieren. In der von ihm begründeten libertären Philosophie des Agorismus sieht er das Erstarken des Schwarzmarktes als Weg zu einer friedvollen und auf Freiwilligkeit und Voluntarismus basierten Gesellschaft. Der Schwarzmarkt würde bis zu einem solchen Punkt anwachsen, bis die wahrgenommene moralische Autorität und absolute Macht des Staates so gründlich untergraben wurde, dass revolutionäre markt-anarchistische Rechts- und Sicherheitsunternehmen in der Lage sind, aus dem Untergrund hervorzugehen und die Regierung letztendlich als kriminelle Aktivität zu beseitigen. 

Unter dem Titel “Agorismus und Staatlichkeit: Das libertäre Konzept der Gegenwirtschaft als radikaler Ansatz individueller wie kollektiver Widerständigkeit” werde ich Anfang März auf Konterrevolution einen wissenschaftlichen Essay zu eben dieser Thematik veröffentlichen. 

Das Beispiel anonymer, virtueller Schwarzmärkte

Nun zu den virtuellen Schwarzmärkten. Im Darknet werden die ausgetauschten Daten meist verschlüsselt (encrypted) übertragen, entweder zwischen Privatpersonen in Foren oder über Tauschbörsen und Handelsplätze. Die meisten dieser Foren, Handelsplätze und Tauschbörsen werden von Regimekritikern, politisch Verfolgten oder einfach Menschen, denen ihre Privatsphäre wichtig ist, benutzt und betrieben. Es ist ein Netzwerk, dass bei Bedarf jederzeit erweitert werden kann, sollten Zensur- und Verfolgungsmaßnahmen in unserem regulären Internet weiter zunehmen. In den Foren werden häufig politische und soziale Mobilisierungen koordiniert sowie wichtige Informationen ausgetauscht. Auf den Tausch- und Marktplätzen werden wiederum Waren und Dienstleistungen angeboten, die in unseren staatlich verwalteten Systemen meist verboten sind. Dinge, die im libertären Verständnis jedem Menschen zustehen und nicht willkürlich durch selbsternannte Autoritäten verboten werden dürfen, beispielsweise Waffen und pflanzliche Mittel (Cannabis, psychoaktive Pilze, etc.). Der Libertarismus ebenso wie der Individualanarchismus verpflichtet sich der Eigenverantwortung und dem Selbsteigentum des Individuums. Um erstere wahrnehmen zu können, sollte es jedem erlaubt sein, auch sogenannte “Drogen” für den Eigenbedarf zu erwerben und zu produzieren, insbesondere wenn es sich um Produkte der Natur (Pflanzen) handelt. Um zweiteres zu schützen, muss es erlaubt sein, sich selbst und sein Eigentum adäquat gegen staatliche Gewalt und Willkür verteidigen zu können. Ein libertäres Sprichwort besagt, dass in den früheren Zeiten jeder Bürger aus einer Selbstverständlichkeit heraus zur gleichen Bewaffnung wie ein Soldat befähigt war, es ihm in der heutigen Zeit jedoch unter Straf- und Gewaltandrohung verboten wird. Das libertäre Verständnis von Waffenbesitz kann unter anderem in diesem Beitrag “Georgia-Kennesaw und die Waffenpflicht” nachgelesen werden. Zur libertären Praxis im Umgang mit Drogen und Drogenpolitik kann ausführlich unter libertarianism.org und fee.org nachgelesen werden, ein eigener Beitrag dazu wird auch auf Konterrevolution folgen. 

Doch zurück zu den Handelsplätzen im Darknet und deren dahinterliegenden Logiken. Auf den diversen Handelsplätzen, die man im Laufe der Zeit findet, gibt es wie im regulierten Internet ehrliche und unehrliche Verkäufer, fragwürdige und legitime Produkte, Fake-Seiten und bessere Alternativen zu Amazon, Ebay und Co., aber generell auch eine sehr aktive und hilfsbereite Community, die weder von Gehässigkeit noch von Neid oder Gewalt geprägt ist. In jedem Fall gibt es mehr Gerüchte und Schauergeschichten über das Darknet und seine “Angebote”, als es wahrscheinlich Nutzer in diesem gibt. In den Jahren, die ich selbst in diesen Netzwerken verbracht habe und immer noch verbringe und basierend auf dieser Erfahrung, kann ich sagen, dass es dort weit mehr vertrauenswürdige Menschen, besser funktionierende Märkte, wertvollere Informationen und ehrlichere Meinungen in Foren und Blogs gibt, als ich sie jemals in diesem Teil des Internets gefunden habe. Durch ausgeklügelte Bewertungs- und Anonymisierungsmethoden, ist es ein Internet, wie es eigentlich sein sollte: frei und transparent.  

Der wohl berühmteste Schwarzmarkt, den es je in diesem virtuellen Raum gab, war “Silk Road”. Die legendäre Seidenstrasse des Darknet, in welcher diverse Produkte erworben werden konnten, die im alltäglichen, regulierten und manipulierten Markt aus Angst vor Machtverlust keinen Platz haben. Bis heute ranken sich Gerüchte und Mythen rund um die Entstehung dieses Marktplatzes im Jahr 2011, seiner spektakulären Schließung 2013 und dessen tatsächliche Betreiber im Hintergrund sowie die wahren Intentionen dieses Projektes. Einige Nutzer gehen beispielsweise davon aus, dass ein Großteil der Marktplätze und Foren im Darknet von US-Geheimdiensten betrieben und verwaltet werden, um selbst Geld zu waschen, Drogen unter die Menschen zu bringen, Informationen zu sammeln und (Groß-)Abnehmer ausfindig zu machen, um diese strafrechtlich verfolgen zu können. Ebenso sollen dadurch “gewöhnliche Internetnutzer” von einem Abtauchen in den undurchsichtigen Teil des Web abgehalten werden. Andere Nutzer meinen wiederum, dass Geheimdienste zwar die Technologie des Darknet entwickelten, jedoch relativ rasch die Kontrolle darüber verloren und nun punktuell mit false-flag-Aktionen in Form von gekaperten Marktplätzen und Foren sowie Horrorgeschichten und Seiten über Folter, Auftragsmörder und Menschenhandel – die teilweise sicherlich auch ihren wahren Kern haben – den virtuellen Raum bekämpfen und verunglimpfen wollen. Auch diverse andere Geschichten über das Darknet und seine Logik kursieren innerhalb und außerhalb dieses Ortes. Steht gar eine künstliche Intelligenz dahinter? Wie viele Unterebenen des Darknets gibt es noch, wie weit reicht das “rabbit hole”? Stoßen wir am Ende der virtuellen Welt gar auf unsere eigene Wahrnehmung? Die Wahrheit wird, wie so oft, in der Mitte aller dieser Theorien liegen.

Staatliche Willkür gegen freiwilligen Austausch: Der Fall Ross Ulbricht

Als es 2013 zur Schließung der Silk Road durch US-Behörden kam, setzte sich eine ungeahnte Maschinerie staatlicher Willkür gegen diverse Personen und Privatvermögen in Bewegung. Seit jeher werden auf den Marktplätzen im Darknet Kryptowährungen wie Bitcoin für Transaktion und monetäre Dienste in Anspruch genommen. Sie haben den Vorteil, anonym und dezentral zu sein, Zahlungsverläufe und Kontoinhaber können daher nicht nachverfolgt werden. Auf Silk Road wurden Millionen von Dollar umgesetzt, die freiwillig und fair ihre Besitzer in Form von Bitcoin wechselten. Nach der Schließung, die vermutlich auf ein Datenleck im Login-Bildschirm der verwendeten Server zurückging, beschlagnahmten die Behörden einfach das Geld sämtlicher Nutzer, welches zu dieser Zeit auf dem Marktplatz in Umlauf war. Immerhin 3 Millionen Dollar zum damaligen Zeitpunkt. Beim heutigen Bitcoin-Preis noch um einiges mehr. Das Vermögen dieser Privatpersonen verleibte sich somit einfach der Staat ein. Doch dem nicht genug. Die US-Regierung suchte in der Person des Ross Ulbricht ein Bauernopfer, mit dem vor der Öffentlichkeit ein Exempel staatlicher Gewalt statuiert wurde. 

Bis heute ist umstritten, wer Ross Ulbricht tatsächlich ist und was für eine Rolle er in der Entwicklung, Gründung und im Betrieb von Silk Road spielte. Laut offiziellen Angaben soll Ulbricht bereits 2009 mit dem Gedanken gespielt haben, das Tor-Netzwerk und das Darknet für einen virtuellen Marktplatz zu nutzen, der zudem die damals noch neue anonyme Bezahlmöglichkeit Bitcoin integrierte. Über mögliche Komplizen und Hintermänner ist so gut wie nichts bekannt. Zudem soll Ulbricht kein Programmierer oder IT-Experte, sondern studierter Physiker und Kristallograph sein. Dennoch schaffte es Ulbricht scheinbar alleine, 2011 diesen Marktplatz ins Leben zu rufen und aufzubauen. In den zweieinhalb Jahren seines Betriebes, soll der Gründer 80 Millionen Dollar an Provisionen bei den Handelsgeschäften verdient haben. Das Verblüffende daran: Trotz dieser großen Summe an Geld und den damit einhergehenden Möglichkeiten des Untertauchens, hat man Ulbricht gerade in den massiv überwachten USA gefasst, in einer öffentlichen Bibliothek in San Francisco. Alles weitere liest sich wie ein schlechter Kriminalroman. Ulbricht wurde der Verschwörung zum Handel von Drogen und Waffen im Internet vorgeworfen, da man in ihm den Betreiber von Silk Road, der sich hinter dem Pseudonym “Dread Pirate Roberts” versteckte, ausmachte. Im Detail wurde ihm unter anderem die Beihilfe zur Verbreitung illegaler Betäubungsmittel, der Betrieb eines kriminellen Unternehmens mit mehr als fünf Personen unter seiner Aufsicht, Computereinbruch, die Verteilung gefälschter Dokumente und Geldwäsche vorgeworfen. Zum darüberstreuen beschuldigte man ihn auch noch, einen Auftragsmord geplant zu haben. Diese Beschuldigung gelangte jedoch nicht zur Anklage. 

Vor Gericht hatte Ulbricht zu all diesen Anschuldigungen auf „nicht schuldig“ plädiert. Er argumentierte, dass die Handelsplattform von ihm aus libertärer Motivation heraus, im Sinne des Anarchokapitalismus, gestartet wurde und er sich bald darauf zurückgezogen hat. Die Handelsplattform sei daraufhin von anderen Personen weitergeführt worden. Das tat der staatlichen Willkür jedoch keinen Abbruch. Das Gericht in New York und besonders die für den Fall zuständige Richterin Katherine Forrest, machten keinen Hehl daraus, an Ulbricht ein Exempel zu statuieren, um mögliche Nachahmer und Nutzer des Darknet massiv abzuschrecken. Aufgrund seiner mutmaßlichen Beteiligung an der Website wurde Ulbricht im Februar 2015 wegen Drogenhandels und anderer Anklagen verurteilt. Abgesehen von fehlenden Zeugen, war das Verfahren auch von massiven Widersprüchlichkeiten und Korruption durchsetzt: Zwei beteiligte Geheimdienstagenten wurden beispielsweise überführt, als sie Bitcoins aus der Silk-Road-Schließung entwendeten. Der Vorwurf, dass Beweise elektronisch verfälscht oder vernichtet wurden, indem sich Geheimagenten in Ulbrichts angebliches Konto eingeschlichen haben, wurde laut. In kürzlich veröffentlichten, privaten Chats sprach Ulbrichts Pseudonym “Dread Pirate Roberts”, das offensichtlich mehrere Nutzer verwendeten, mit einem Benutzer, der als “Albertpacino”, “Alpacino” oder “Notwonderful” bekannt war, darüber, einer Silk-Road-Autorin “Informationen über die Strafverfolgungsuntersuchungen in Silk Road” gegen wöchentliche Zahlungen anzubieten.

Trotz all dieser Unklarheiten und Vorwürfe, wurde Ulbricht von den Geschworenen zu zwei lebenslangen Haftstrafen ohne die Möglichkeit auf Bewährung verurteilt. Seither hat sich gerade in der libertären Szene große Solidarität für Ulbricht und seine Familie breit gemacht. Dabei steht neben der willkürlich und nachweislich schädlichen Anti-Drogen-Politik auch das Recht auf Selbsteigentum immer wieder im Mittelpunkt der Argumentation. Denn die meisten Menschen werden in den USA und auch in der restlichen Welt für “Verbrechen ohne Opfer” weggesperrt, beispielsweise durch den Besitz von Drogen, den Handel virtueller Güter oder einfach das Pochen auf eine eigene Meinung. Dass Ulbricht aufgrund so eines Verbrechens ohne Opfer eine härtere Haftstrafe ausfasste, als viele Mörder, Kinderschänder und Serienvergewaltiger – ganz abgesehen von nie belangten Kriegsverbrechern in der Politik – kritisieren viele Beobachter und Aktivisten scharf. Menschen einen Marktplatz anzubieten, um anonym Waren zu kaufen und verkaufen, die selbsternannte (moralische) Autoritäten als illegal klassifizieren, ist im libertären Denken keinesfalls ein Verbrechen. Weder gegen Andere noch gegen sich selbst. Die Moral einer Handlung ändert sich nicht einfach, weil Politiker unüberlegte und willkürliche Gesetze auf Papier bringen, die Voluntarismus und freiwillige Kooperation regulieren und unterbinden sollen. 

Letztlich bleibt festzuhalten, dass alle “Verbrechen”, die Ulbricht vorgeworfen wurden, “opferlos” waren. Ulbricht hat (vermutlich?) einen Markt geschaffen, der für einige Zeit frei von staatlichen Eingriffen war und unzähligen Konsumenten verhalf, Zugang zu “Drogen” und digitalen Gütern zu erhalten, die sie nicht in einer “normalen” Umgebung bekommen konnten. Schließlich hätte sich kein Konsument in das “tiefe Netz” gewagt, wenn die Beschränkungen einer prohibitionistischen und veralteten Politik samt Kriminalisierung und Strafverfolgung nicht gewesen wären. Zudem bekamen Konsumenten Informationen über ihre Ware, die sie auf einem realen Schwarzmarkt niemals bekommen hätten. Ganz abgesehen davon, dass transparente Rezensionssysteme für eine gewisse beiderseitige Sicherheit sorgten. 

Conclusio

Am Ende des Tages bot Silk Road eine freiwillige Plattform für den Verkauf diverser Güter unter Verwendung der Bitcoin-Technologie an. Doch diese und auch andere Plattformen, so wie das Darknet an sich, unterminieren letzten Endes die restriktiven Politiken der Regierungen und deren Überwachungsphantasien. Doch die Schließung der ersten Silk-Road-Webseite war nur der Anfang. Diverse mehr oder minder erfolgreiche Nachfolger der Silk Road – unter gleichem Namen – wurden trotz verbesserter Sicherheitsvorkehrungen immer wieder massiv angegriffen und schließlich von Behörden und Geheimdiensten hochgenommen. Ein enormes Risiko für Händler und Abnehmer bestand bei jeder Schließung eines solchen Marktplatzes, da Adressen und teilweise auch Namen in die Hände der Strafverfolgung gelangten. Regierungen rund um den Globus sind also durchaus in der Lage, geheime Marktplätze durch uns unbekannte Überwachungs- und Infiltrationstechnologien zu sprengen. Das Vorgehen der Behörden im Darknet samt breitenwirksamer medialer Aufarbeitung ging aber auch nach hinten los. Seit der Schließung von Silk Road im Jahr 2013, verdoppelte sich der Umsatz und auch das Angebot an Schwarzmärkten im unregulierten Internet. Immer mehr Nutzer zieht es in die Anonymität.

Für Aufsehen sorgte auch eine Studie der Universitäten von Lausanne und Manchester aus dem Jahr 2014. Demnach reichte alleine der Schwarzmarkthandel über Silk Road – ohne alle anderen Marktplätze miteinzubeziehen – um Gewalt im Drogenhandel massiv zu reduzieren und Drogenhändler zu einer gewissen ethischen Umkehr in ihrem Handeln und Denken zu bewegen. In der Drogen-Kryptomarktära, so die Studie, wurde und wird Qualität, Kundendienst und gute Umgangsform wichtiger als rohe Gewalt, Korruption und persönliche Verbindungen. Zudem fand die Studie heraus, dass wenig bis kaum tatsächlich schwer schädliche Substanzen über Silk Road gehandelt wurden. Viel eher waren es natürliche Produkte wie Cannabis. Letztlich meint die Studie auch, dass ein langfristig erfolgreicher Betrieb Macht und Einfluss von Drogenkartellen geschwächt hätte. Doch da kommen natürlich wieder die Regierungen ins Spiel, welche kein Interesse an einem Ende des “war on drugs” haben, ja den Drogenhandel über Kartelle sogar seit Jahrzehnten aktiv forcieren. Die Studie wurde übrigens nie offiziell veröffentlicht…

Die Vorteile robuster, sich stetig verändernder und wachsender Netzwerke, wie dem Darknet oder Kryptowährungen, liegen ob ihrer Anonymität, Dezentralität und freiheitlich-voluntaristischen Logik auf der Hand. Auf diesen Ökosystemen breiten sich immer mehr und mehr Menschen aus. Regierungen können Orte wie das Darknet und andere Schwarzmärkte, Foren oder Börsen stoppen, doch im Gegenzug werden immer mehr auftauchen, wenn man die relativ niedrigen Einrichtungskosten und den Wert in einer großen Benutzergemeinschaft berücksichtigt. Es ist eine Entwicklung, die die Logik des politischen Handelns vor den Kopf stößt. Dank neuer Technologien und deren offener Natur von Netzwerken, sind wir nicht länger politischer Willkür, einer Mehrheitsherrschaft und dem sogenannten “fairen” Steuer- und Fiat-Geld-Regime verpflichtet. Je mehr Wirtschaft wir in den Schwarzmarkt verlagern, desto sicherer werden wir sein und desto stärker wird die verteilte Macht, um mit Konkin III abzuschließen.

Beitragsbild: Federal Bureau of Investigation/Wikimedia, gemeinfrei


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