Über die (Un-)Möglichkeit einer sozialen Utopie in der Moderne

Wie gestaltet man ein Leben fernab der modernen Zivilisation, obwohl man dennoch ein Teil dieser ist? Und was passiert, wenn das Modell eines naturnahen Selbstversorgerlebens auf die unnachgiebigen Widrigkeiten des 21. Jahrhunderts trifft? Diesem spannenden und für viele Menschen durchaus zeitgemäßen Thema widmete sich der Regisseur Matt Ross in seiner 2016 erschienenen Drama-Komödie “Captain Fantastic”. Darin brilliert Viggo Mortensen als eigenbrötlerischer Familienvater, der seinen insgesamt sechs Kindern eine umfassende, humanistische Bildung in der Wildnis zu Teil werden lässt, die ihnen das Verständnis der Natur als auch die geistigen Errungenschaften des Menschen besser als jedes Schul- und Sozialsystem näherbringt. Mit diesem umfassenden und kritischen Wissen ist die Familie allerdings in einer durchaus kritikresistenen Welt rasch mit den eigenen, dadurch entstehenden Grenzen konfrontiert. 

Der Plot selbst ist rasch erzählt: Die abgeschieden lebende Familie muss den Tod der Mutter betrauern und sich durch dieses tragische Ereignis in die Welt der Moderne begeben, um ihrem letzten Willen nachzukommen. Die Buddhistin möchte nämlich verbrannt, und nicht wie in den USA üblich, in einem Sarg samt pompösem Begräbnis beerdigt werden. Durch den anschließenden “Road-Trip” durch die Seele einer kulturell und geistig entarteten Gesellschaft, samt ihrem Materialismus, ihrer Oberflächlichkeit und ihrer willkürlichen Zwänge, sind vor allem die hochgebildeten Kinder zum ersten Mal in der Praxis und nicht nur in der Theorie mit Situationen abseits ihres behüteten Alltags in den Wäldern konfrontiert, die ihnen durchaus schwer fallen zu bewältigen. Und auch der Vater muss sich im Laufe des Films eingestehen, dass seine eigenen Überzeugungen und ideologischen Standpunkte einer grundlegenden Überarbeitung bedürfen, insbesondere, dass seine Kinder nicht als Projektionsfläche dieser herhalten dürfen. 

Viel spannender wiegen daher die vielschichtigen und komplexen Themen, die in Captain Fantastic teils direkt angesprochen, teils aber auch nur angeschnitten werden. Was definiert eine Familie in der Neuzeit und wo stößt eine gut gemeinte Erziehung an ihre (natürlichen) Grenzen. Wo beginnt die Verantwortung über das Wohl seiner Kinder und wo endet der Glaube an selbst auferlegte Konzepte und Ideologien. Ist die starre Vorstellung eines anti-modernistischen Lebens auf Dauer tragbar für alle Involvierten, oder enstehen dadurch Konflikte, die sich zunächst unsichtbar in das eigene Leben einschleichen, dann aber eine ungeahnte Wirkkraft entfalten.

Man sieht in dem Film deutlich, dass es hier oftmals zu fatalen Kontroversen und Brüchen im eigenen Leben und Denken kommen kann, die vorher kaum abwägbar und schon gar nicht absehbar sind. Der Traum vieler, das eigene Leben und die Familie abseits des Irrsinns moderner Zivilisationen möglichst naturnahe und selbstbestimmt zu planen und zu führen, kann rasch in einer fatalen Misskonzeption enden. Denn nicht nur die unweigerlichen familiär-sozialen Konflikte begleiten einen ein Leben lang, auch die emotionale und moralische Bürde bleibt als schaler Beigeschmack. Denn man kann sich womöglich selbst den vielschichtigen negativen Auswirkungen unseres Systems entziehen, nicht aber seine Kinder davon abhalten, sich in dieser Welt zu beweisen und selbst herauszufinden, inwieweit ein moribundes System auf ewig so bleiben wird oder doch reformierbar ist.

Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück (120 Min.) – Regie Matt Ross (2016, USA)

Beitragsbild: Strelka Institute for Media, Architecture and Design/Wikimedia (CC BY 2.0)

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