Der wiederaufgeflammte Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan um die autonome Region Berg-Karabach (Nagorno-Karabakh) richtet die Aufmerksamkeit bei vielen politischen Analysten auf oftmals falsche Tatsachenhintergründe im Wettstreit um Vormachtstellungen in Zentralasien. Denn bei dem seit dem Ende der Sowjetunion schwellenden Konflikt zweier ehemaliger Sowjet-Republiken geht es weniger um ethnisch-religiöse, als viel mehr um geostrategische und historisch bedingte Interessen. Während die Region mehrheitlich von Armeniern besiedelt und militärisch auch besetzt wird, ist sie völkerrechtlich klar dem Staat Aserbaidschan zugewiesen. Historisch bedingt ist Berg-Karabach jedoch teil des ehemaligen Großarmenischen Reiches. Eine politikwissenschaftliche Spurensuche über Hintergründe, aktuelle Entwicklungen und mögliche Zukunftsszenarien.

Ein historischer Konflikt, der an den Balkan erinnert

Wie bei vielen ethnisch untermauerten Gebietsstreitigkeiten auf internationaler Ebene, so ist auch jener in Berg-Karabach komplex und auf den ersten Blick wenig verständlich. Parallelen lassen sich am ehesten noch zu den Spannungen auf dem Balkan ziehen. Das Land liegt in Transkaukasien zwischen den ehemaligen Sowjetrepubliken Armenien und Aserbaidschan. Während erster Staat mehrheitlich christlich-orthodox geprägt ist, ist zweiterer von einer schiitischen muslimischen Mehrheit geprägt. Insofern auch interessant, als mit Aserbaidschan und der Türkei eigentlich verfeindete Schiiten und Sunniten an einem Strang ziehen und quasi verbrüdert sind. Bis auf Berg-Karabach und Grenzstreifen zwischen den beiden Ländern, haben die Armenier Aserbaidschan mittlerweile fast vollständig verlassen. Noch 1989 machten sie 6% der Bevölkerung aus — in der Hauptstadt Baku 10%. Allerdings gibt es auch keine Aserbaidschaner in Armenien mehr; 3% waren es noch 1989, vor allem Bauern.

Nagorno-Karabakh Map2.pngReligion und Ethnie spielen bei dem Konflikt jedoch seit jeher eine eher untergeordnete Rolle. Viel eher sind es historisch erwachsene Großmachtsphantasien und regionale Herrschaftsansprüche. Schon in den 1920er Jahren wurde dafür der Grundstein gelegt. Ein gewisser Joseph Stalin, damals noch Kommissar für Nationalitäten innerhalb der Sowjetunion, plante die Annäherung und sogar Eingliederung der noch jungen Republik Türkei in die Sowjetunion. Dafür wurde die Region Artsak, also Nagorno-Karabakh, zum geopolitischen Spielball. Denn die Aseris, die dominierende ethnische Gruppe Aserbaidschans, sind mit den Türken kulturell und sprachlich eng verwandt. Ein Sprichwort besagt, dass Türken und Aseris “eine Nation aus zwei Staaten” bilden. Die Sowjets und Genosse Stalin hofften, dass sie durch die Gewährung von Artsakh an die sozialistische Republik Aserbaidschan anstelle von Armenien die eben erst gegründete Republik Türkei umwerben könnten, indem sie ihre ethnischen aserbaidschanischen Verwandten “beschenken”. 1921 lebten noch 94 Prozent ethnische Armenier in dem Gebiet.

Der frühere sowjetisch-aserbaidschanische Präsident Heydar Aliyev, Vater des derzeitigen Präsidenten Ilham Aliyev, sagte noch 2002: „Ich habe versucht, die Demografie dort zu ändern. […] Ich habe versucht, die Zahl der Aserbaidschaner in Berg-Karabach zu erhöhen, und die Zahl der Armenier ist gesunken.“ Der Zusammenbruch der Sowjetunion führte nicht überraschend zum Artsakh-Krieg, der erst nach einem Waffenstillstand im Jahr 1994 endete, als die armenischen Streitkräfte einen entscheidenden Sieg errangen.

Doch der militärische Konflikt begann bereits 1987, als die armenischen Einwohner des Autonomen Gebietes Berg- Karabach den Anschluss an Armenien forderten. Man wollte nicht eine “Minderheit im eigenen Land” werden und stemmte sich gegen die Pläne Aserbaidschans, die kulturellen und politischen Rechte der Bewohner zu beschneiden und eine Assimilierung voranzutreiben. Die Bemühungen wurden von Beginn an in Armenien unterstützt. Immer wieder kam es in den folgenden Jahren zu wechselseitigen Gräueltaten und Kriegsverbrechen sowie terroristischen Handlungen. War Anfangs vor allem die Sowjetunion der Hauptfeind und Schuldige für die Lage in Berg-Karabach für beide Seiten, so legte sich der Fokus nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wechselseitig auf den Erzfeind. Seit 1988 herrscht daher mit variierender Intensität Krieg um Berg-Karabach und die Grenzregionen. Immer wieder blockierte Aserbaidschan die Versorgungswege nach Armenien. Immer wieder wurden Dörfer und Städte beschossen oder Menschen vertrieben und umgebracht. Historiker beider Seiten versuchen zudem die Deutungshoheit über das Gebiet für sich abzuleiten und argumentieren mit der turbulenten Vergangenheit der Region und der Völker, die in ihr lebten. Sowohl die Vertreibung der Armenier aus der Türkei, als auch die Unterdrückung der Muslime in Zentralasien spielen hier hinein. Eine fundierte Analyse dazu findet sich hier. Viele Beobachter internationaler Beziehungen erinnern die Hintergründe und Verläufe des Berg-Karabach-Konflikts an die politischen Spannungen auf dem europäischen Balkan, die ebenfalls mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und des Tito-Regimes blutig eskalierten, unter der Oberfläche aber seit Jahrhunderten brodeln und immer wieder aufbrechen.

Armenien als kampferprobter “Aggressor”

Obwohl die Ethnie und Einwohnerstruktur Berg-Karabachs bzw. der autonomen Region Nagorno-Karabakh eine klare Sprache zu Gunsten Armeniens spricht, ist es völkerrechtlich Teil Aserbaidschans und wird von der armenischen Armee seit 1994 besetzt und von einer Regionalregierung verwaltet. Das Skurrile an der Sache: Kein Land der Erde erkennt Nagorno-Karabakh als unabhängiges Land an – auch nicht die Schutzmacht Armenien (mittlerweile wird aufgrund der Kriegshandlungen aber von Seiten der armenischen Regierung darüber nachgedacht).

Vier Resolutionen des UN-Sicherheitsrates (822, 853, 874, 884) wurden bisher verabschiedet, in denen offiziell gefordert wurde, dass Armenien seine Streitkräfte aus dem Gebiet abzieht, was freilich bis heute nicht geschah. Armenien gilt daher als der international anerkannte “Aggressorstaat” in diesem Konflikt, der weiterhin das Territorium seines Nachbarlandes besetzt. Völkerrecht kümmert sich bekanntlich wenig um historische (vor allem territoriale und ethnische) Ungerechtigkeiten, siehe Südtirol und Österreich. All dies bedeutet am Ende des Tages, dass jegliche militärisch-kriegerische Handlung Aserbaidschans, erscheine sie auch noch so “ungerecht”, völkerrechtlich legitim und von der internationalen Gemeinschaft zu akzeptieren ist (ausgenommen natürlich Kriegsverbrechen, Genozid, Pogrom, etc.). Und auch in Russland sieht man das ähnlich, entgegen der gemeinhin postulierten Annahme, dass die Schutzmacht Armeniens in den Konflikt intervenieren würde. Zwar sind Armenien und Russland Mitglied des zentralasiatischen Militärbündnisses “Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS)”, doch Moskau garantiert im Rahmen dessen nur die territoriale Integrität Armeniens, nicht Berg-Karabachs. Nicht zu vergessen auch: Russland ist Mitglied im UN-Sicherheitsrat und hat die bisherigen Resolutionen gegen Armenien mitgetragen.

Und dennoch bleibt Armenien aus geostrategischer Sicht der Gewinner des gesamten Konflikts. Obwohl Aserbaidschans Verteidigungsbudget (2,267 Milliarden US-Dollar) etwa fünfmal so hoch ist wie das Armeniens, ist es dem Land bisher nicht gelungen, Artsakh und die Region Berg-Karabach bei zahlreichen Versuchen zu erobern, insbesondere während des April-Krieges 2016 und eines weiteren größeren Militärmanövers im Juli dieses Jahres. Die Bedingungen des nun aufgeflammten Krieges sind jedoch sehr unterschiedlich und viel gefährlicher als in früheren Situationen. Denn mit der direkten Einmischung der Türkei und ihrer Söldnertruppen aus Syrien, könnte sich eine Spirale der Gewalt entwickeln, die so rasch kein Ende finden wird.

Türkei: Mit dem Kopf durch die Wand

Die Türkei eröffnet mit ihrer militärischen Einmischung in den Konflikt nämlich das nächste Pulverfass direkt an der eigenen Grenze. Mit der direkten Parteiergreifung auf Seiten Aserbaidschans wird aber auch von gleich mehreren Problemen abgelenkt bzw. diese zu lösen versucht. Zum einen die mehr oder minder gescheiterten militärischen Interventionen in Libyen (wo sich der von der Türkei unterstützte Regierungschef erst jüngst zurückzog und somit General Haftar einen Vorteil verschafft) und Syrien (wo mit Idlib bald die letzte “Rebellenhochburg” fällt). Nicht umsonst verlegt die Türkei (islamistische) Söldnertruppen aus Syrien in die Region Berg-Karabach. Denn auch von dort möchte man den Einfluss und den Plan des großosmanischen Reiches weiter vorantreiben. Zudem behauptet die Türkei, dass auch in Zentralasien die verfeindete PKK aktiv ist und neben den armenischen Streitkräften operiert und daher zu bekämpfen sei. Ein gefährliches Novum, da man mit diesem Argument bereits die Intervention in Nordsyrien zu rechtfertigen versuchte. Ebenso muss die politische Führung der Türkei von der schweren wirtschaftlichen Krise und dem rasanten Währungsverfall im Land ablenken. Als die militärischen Provokationen und die Rhetorik des Krieges gegen Griechenland und Zypern im östlichen Mittelmeerraum in Ankara nachließen, dauerte es nur wenige Tage, bis eine neue Krise initiiert wurde. Ein Konflikt mit dem historischen Erzfeind Armenien bot sich plötzlich an, da zumindest größere Teile der Bevölkerung durch den äußeren Feind geeint werden könnten. Dabei muss natürlich bedacht werden, dass Armenien mit seinen drei Millionen Einwohnern zu keiner Zeit eine wahre Bedrohung für die Türkei darstellt. Es handelt sich hierbei lediglich um Ressentiments der türkischen Führung gegen die christlichen Armenier.

Zuguterletzt muss die Türkei ihre letzten regionalen Verbündeten an der Stange halten und um sich scharen. Nach den historischen Friedensverträgen zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain und Israel – hier unsere Analyse – sowie dem Boykott türkischer Produkte in Saudi Arabien und generell dem offensiven Zurückdrängen des türkischen Einflusses in der arabischen Welt, wird es für den Neo-Osmanismus Erdogans eng. Mit Aserbaidschan verbleibt zumindest ein treu ergebener “Bruderstaat” der Türkei in der Region.

Berg-Karabach als “Syrien” Zentralasiens?

Mit der Verfrachtung mehrerer tausend Kämpfer aus Syrien und anderen Teilen der Welt nach Berg-Karabach und die Grenzregionen Armeniens und Aserbaidschans, sehen manche Analysten bereits die Gefahr eines syrien-ähnlichen Bürgerkriegsszenarios für Zentralasien aufkommen – so auch die armenische Regierung. Schon in den 1990er-Jahren, während des ersten Artsakh-Krieges, nahmen zweifellos internationale Terroristen aus Afghanistan, Tschetschenien und der Türkei an den Kriegshandlungen auf Seiten Aserbaidschans teil. Fotos, Videos und Sprachaufnahmen belegen nun erneut, dass internationale Terroristen auf ihrem Weg nach oder bereits in Aserbaidschan sind.

Im Gegensatz zu Syrien und dem Irak ist Armenien jedoch – wie bereits erwähnt – neben Weißrussland, Kasachstan, Kirgisistan, Russland und Tadschikistan Mitglied im OVKS-Bündnis. Ein direkter türkischer Angriff auf Armenien könnte dieses Verteidigungsbündnis aktivieren. Die Türkei könnte wiederum einen NATO-Fall ausrufen. Es ist allerdings höchst unwahrscheinlich, dass die Situation in Artsakh in ein CSTO-NATO-Duell kulminiert. Das Risiko bleibt jedoch immer bestehen, insbesondere wenn Erdogan beschließt, direkt unter dem Deckmantel des Kampfes gegen die PKK, auch Berg-Karabach anzugreifen.

Undurchsichtig erscheint wie immer die Rolle der USA. Zumindest auf den ersten Blick, denn mit den jüngsten Entwicklungen ergeben sich einige Vorteile für die Vereinigten Staaten. Nagorno-Karabakh wird von Washington wohlwollend als Konfliktfeld zwischen Russland und der Türkei gesehen. Eine Schwächung beider Akteure beschert den USA wiederum Auftrieb für ihre angeschlagene Nah-Ost-Strategie (der Destabilisierung). Die voranschreitende Instabilität im Südkaukasus, vor allem an den Grenzen Russlands und des Iran, spielt der US-Strategie also in die Hände.

Sollte sich der regionale Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien in der gegenwärtigen Richtung weiterentwickeln, könnte Armenien zumindest einen Teil seiner Positionen in der umkämpften Region verlieren. Im schlimmsten Fall wird Aserbaidschan mit Hilfe der Türkei eine echte Chance haben, die Kontrolle über den größten Teil der umkämpften Region Berg-Karabach wiederherzustellen.

Doch der Widerstand in Berg-Karabach ist zäh und dank des seit Jahrzehnten etablierten Miliz-Systems bestens organisiert. Nahezu jeder Bewohner der Region ist auf den bewaffneten Kampf trainiert und eins mit seiner Umgebung. Ein Vorteil, der einer Guerilla-Taktik gleicht und hochgerüsteten Armeen deutliche Nachteile im offenen Kampf beschert. Darüber hinaus übertrifft die Moral der “Rebellen” die Motivation der “Aseris”, die an diesem riskanten Unterfangen teilnehmen, bei weitem. 

Bemerkenswert ist jedenfalls auch, dass türkische Journalisten von Anfang an an vorderster Front standen und Nachrichten der Militäroperation Aserbaidschans in einem günstigen Licht präsentierten. Mittlerweile gehen Beobachter davon aus, dass die Vorbereitungen für den Angriff auf Berg-Karabach im Voraus gut geplant wurden. Es ist sogar sehr wahrscheinlich anzunehmen, dass Aserbaidschans Präsident Aliyev grünes Licht für die Einleitung einer Militäroperation direkt von Ankara aus erhalten hat.

Beitragsbild: flickr/David Stanley (CC BY 2.0)

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