Es ist Heiligabend und bereits dunkel geworden, nur aus einer kleinen Hütte fällt ein Lichtschein aus einem kleinen Fenster und erhellt mit einem Lichtkegel ein Stück der weißen, schneebedeckten Landschaft.

In der Hütte sitzt ein Mann vor einem Kamin, in dem ein Feuer vor sich hin knistert. Man sieht an der bescheiden eingerichteten Hütte, dass hier arme Leute wohnen. Schon damals war das Leben hart gewesen, aber da gab es immerhin noch ein paar Schafe, die in einer Ecke der Hütte ihr Plätzchen hatten. Aber das ist schon ein Weilchen her. Neben dem Mann sitzt ein kleiner Junge, in eine alte Decke gehüllt, und beobachtet, wie die Flammen vor sich hin tanzen. Ganz in der Ferne hört man nun Glockenläuten.

Der Junge lauscht und sagt: „Papa, wollen wir nicht in den Gottesdienst gehen? Es ist doch Heiligabend!“. Papa schüttelt den Kopf: „Nein, mein Junge, die Leute mögen uns nicht so besonders. Wir sind viel zu arm – da stören wir nur. Außerdem liegt der Schnee so hoch, dass wir nur schwer ins Dorf kämen.“ Dann schauen die beiden wieder schweigend ins Feuer. Der Mann denkt an die schöne Zeit zurück, bevor seine Frau gestorben war und als sie noch viele Schafe hier draußen, abseits vom Dorf hatten. Wie viele Tage hatte er auf den Wiesen in der Nähe schon Schafe gehütet! Nun waren aber einige Unglückstage gekommen, sodass er keine Schafe mehr hatte und nun nicht einmal mehr Brot für sich und den Jungen.

Wieder reißt ihn der Junge aus seinen Gedanken: „Papa, ich habe so einen Hunger!“. Papa sieht seinen Jungen freundlich an und sagt traurig: „Tut mir leid, das letzte Brot haben wir gestern gegessen.“ Er will dem Jungen nicht sagen, dass er nicht mal weiß, wann sie überhaupt wieder etwas zu essen haben würden.

„Papa, was war denn am Heiligen Abend passiert?“, fragt nun der Junge. „Da ist Gottes Sohn zur Welt gekommen“, sagt der Vater knapp. Er hatte sich noch nicht viel Gedanken über Gott gemacht. Der Jungen fragt weiter: „Dann wird er sicherlich in einem wunderbaren Palast zur Welt gekommen sein! Er war ja schließlich der Sohn von Gott!“. „Nein“, antwortet der Vater etwas schmunzelnd, „der Sohn Gottes kam in einem Stall zur Welt!“. „War der so ähnlich wie diese Hütte hier?“, fragt nun der Junge weiter. Der Vater wird nachdenklich.

Was hat da der Junge gesagt? Warum war Jesus eigentlich nicht in einem Palast zur Welt gekommen, wie man es bei einem Königskind erwarten dürfte? In Gedanken versunken, murmelt er zum Jungen gerichtet: „Ja, wohl so ähnlich“. Dann grübelt er weiter über das, was der Junge gesagt hat: Warum war Gottes Sohn, Jesus Christus, in einem Stall zur Welt gekommen? Soweit er wusste, waren seine Eltern auch nicht gerade reich gewesen. Was hatte sich Gott dabei nur gedacht?

Nun steht der Mann auf, geht zu einem kleinen Regal neben dem Kamin, holt ein Buch und setzt sich wieder hin. Es ist die Bibel, die er jetzt aufschlägt. Sein Blick fällt auf eine Stelle im Neuen Testament. Dort heißt es:

„Am nächsten Tag sieht Johannes, dass Jesus zu ihm kommt, und spricht: Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“ (Joh 1,29)

Ja, Schafe und Lämmer kennt der Vater. Viele Jahre lang hatte er sie gehütet und gepflegt. Aber diese Zeiten waren leider vorbei, als die Leute noch ihre Schafe zu ihm brachten, damit er auf sie aufpasste. Nun musste er wohl eine andere Arbeit suchen.

Aber was hat er da gelesen? Dieser Gottessohn kam wie ein kleines Lamm, das die Schuld der Menschen tragen sollte? Schnell blättert er weiter, um mehr darüber zu finden. Dann fällt sein Blick auf die Bibelstelle:

„So wie der Menschensohn nicht gekommen ist, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.“ (Matth. 20,28)

Jesus Christus kam also gar nicht, um wie ein Königssohn sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen! Auch steht hier wiederum, dass er mit seinem Leben den Menschen die Erlösung bringen sollte!

Jetzt ist das Interesse des Vaters geweckt und er blättert weiter. Dann findet er eine Bibelstelle, in der schon viele hundert Jahre vor Jesu Geburt über ihn Folgendes gesagt worden war:

„Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat1 willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jesaja 53,2b-5)

Der Vater wird stutzig. Jesus war ja damals genauso verachtet gewesen wie er jetzt! Die Leute meiden ihn auch. Der Tod seiner Frau hat ihn bitter und mürrisch werden lassen. Als Schafhirte und zum Schluss als Hilfsarbeiter für meist schmutzige Arbeiten roch er zudem nicht gut – und nach dem Tod seiner Frau achtete er nicht mehr so auf sein Äußeres und lief meist ungepflegt umher. Wer mochte solch einen Mann schon gerne in seiner Nähe haben?

Aber welche große Liebe zu den Menschen musste Gottes Sohn gehabt haben, dass er den herrlichen Himmel verlassen hatte und auf diese schmutzige, sündenverderbte Erde gekommen war und sogar für die Menschen gestorben ist, damit sie Frieden mit Gott finden könnten! Hin und her gehen die Gedanken des Mannes: Wie groß muss wohl Gottes Liebe zu den Menschen sein! Er kann es nicht fassen.

Dann blätterte er weiter. Sein Blick fällt auf diesen Versanfang:

„Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an.“ (Offb 3,20a)

Sollte es möglich sein, dass der heilige Gott auch an seiner Tür klopfen würde? Er ist doch so schäbig und arm! Aber war Jesus nicht auch in einem Stall zur Welt gekommen? Die Augen des Vaters fangen an zu strahlen: Ja, dann wird Jesus auch zu mir kommen können!
Plötzlich wird er aus seinen Gedanken gerissen, denn es klopft nun tatsächlich! Der Mann legt schnell die Bibel zur Seite und geht zur Tür: Wer mag das jetzt am Heiligabend wohl sein? Wer macht sich durch diesen hohen Schnee und dazu im Dunkeln auf den Weg, um ihn und seinen Sohn zu besuchen?

Doch als er die Tür geöffnet hat, ist niemand zu sehen. Nur der Wind fegt ein wenig Schnee zur Tür herein. Aber dann fällt sein Blick auf ein Päckchen direkt zu seinen Füßen: Ein großes, frisches und sogar noch warmes Brot liegt dort direkt vor der Tür auf einer neuen, warmen Decke! Was ist das? Wer kann ihm denn solch ein Geschenk machen? „Hallo, ist da jemand?“, ruft er in die Dunkelheit. Das Licht scheint ein wenig aus der offenen Tür auf den Schnee. Es sind auch gar keine Fußspuren zu sehen! Wie kann das nur passieren?

Langsam und nachdenklich, aber voller Freude schließt er wieder die Tür. Der Junge springt neben ihm hin und her: „Oh wie schön, wir haben endlich Brot!“. Seine Freude ist übergroß.
Immer noch nachdenklich schneidet der Vater seinem Sohn und sich ein Stück Brot ab, dankt Gott, und dann beißen sie genussvoll in das schmackhafteste Brot, das sie je gegessen hatten. „Wer hat ihnen hier in die Abgeschiedenheit wohl Brot gebracht – zudem ganz frisch und warm?“, fragt sich der Vater immer wieder.

Schließlich setzt er sich wieder hin. Noch immer ist er sehr nachdenklich. Nach einem kurzen Augenblick nimmt er wieder die Bibel zur Hand und liest den Bibelvers von eben noch mal:
„Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an.“ (Offb 3,20a)
Er stutzt kurz, liest dann aber begierig weiter:

„Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.“ (Offb 3,20)

Tränen rinnen über seine Wangen! ER ist da gewesen und hat ihn besucht und sogar beschenkt! Welch ein wunderbarer Heiland!

In der folgenden Zeit sieht man den Vater wie umgewandelt umhergehen. Voller Freude berichtet er den Menschen von dem Herrn Jesus und dass man ihm die Herzenstür öffnen soll. Auch versucht er nun – trotz eigener Armut – anderen Menschen zu helfen, besucht kranke Menschen, hört sich Nöte an, gibt Ratschläge und vieles mehr. Bald schon scheut ihn niemand mehr und nach einiger Zeit spricht man sogar anerkennend von dem „helfenden Schäfer“. Es dauert auch gar nicht lang, da erkennen auch weitere Leute aus seiner Umgebung, welch ein Segen darauf liegt, Gutes zu tun und Gott und Mitmenschen zu lieben und zu Achten.

Im Stall von Bethlehem fing es an, und wird nun durch einen einfachen Hirten weiter getragen.

Autor und Copyright © Rainer Jetzschmann

Beitragsbild: Walter Moras, Romantische Winterlandschaft mit Skiläufer (unbekanntes Datum)/Wikimedia, gemeinfrei

1 Kommentar

  1. Das sind die schönen Geschichten, die mich über dreißig Jahre lang bis zum Jahr 2000 bewegt haben und auch jetzt noch zu Tränen rühren. Doch die Götter und Engel haben bis zur Stunde geschwiegen, während das Bodenpersonal mich verärgert. Das nicht enden wollende Leid war erst zu Ende, als ich mich vor 16 Jahren aus diesem geistigen Sumpf löste.

    Pastor Jakob Tscharntke
    http://www.dzig.de/Pastor-Jakob-Tscharntke

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