“Buen Vivir” (in Quechua Sumak kawsay genannt) gilt als alternatives, indigenes Paradigma zu geläufigen, meist westlichen Entwicklungskonzepten und findet in der sozialwissenschaftlichen Forschung seit einigen Jahren verstärkt Rezeption. Ausgangspunkt und Verbreitungsregion dieser “Anti-Entwicklungsphilosophie” ist Lateinamerika, wo sie in Staaten wie Ecuador und Bolivien Anwendung findet und mittlerweile auch in den Verfassungsrang erhoben wurde. Die Umsetzung und Implementierung verlangt jedoch nach fundamentalen Neukonzeptionen bestimmter gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Bereiche. Der Anwendungsbereich von Buen Vivir reicht von indigener Ontologie bis zu „westlich-modernen“ Adaptionen, die größte Herausforderung bleibt jedoch ein naturzerstörendes Entwicklungscredo zu überwinden.

Buen Vivir und “Post-Development-Ansätze”

In den letzten Jahren erlebt die Entwicklungsforschung einen Pluralismus an alternativen, nicht (Wirtschafts-)Wachstums getriebenen Entwicklungsstrategien- und Modellen. “Degrowth”, “Post-Wachstum” und “nachhaltige Ökonomie” sind nur einige geläufige Schlagworte. Aus der Sicht von Buen Vivir sind diese scheinbar alternativen Modelle aber ebenfalls Strategien die sich an einem Credo der Modernität und Entwicklung orinientieren. Es ist ähnlich der Produktdifferenzierung bei Unternehmen, also nur ein Trend der am Kernproblem der Konzeption von Entwicklung wenig bis garnichts ändert.

Eine ernstzunehmende Gegenbewegung etablierte sich mit den Post-Development-Ansätzen, die verkürzt gesagt in Entwicklung (neo-)koloniale Macht- und Herrschaftsinstrumente, ebenso wie das Propagieren von einseitigen Entwicklungsdogmen sehen, zum Nachteil der scheinbar “Unterentwickelten”. Der Fokus der redefinierten Entwicklung liegt daher auf multiplen, kontextbasierten und von der betroffenen Bevölkerung ausgehenden Alternativen. Wirtschaftliches Wachstum wird als Indikator von Entwicklung beispielsweise gänzlich abgelehnt. Krisen ökonomischer wie politischer Natur, zunehmende Ungleichheiten, etwa im Bereich der Vermögens- und Wohlstandsdistribution, sowie Umweltzerstörungen globalen Ausmaßes geben den PD-Ansätzen und ihrer Kritik weitgehend rech.

Scheinbarer Post-Neoliberalismus in Lateinamerika

In Lateinamerika brach in den letzten Jahren, zumindest in einigen Staaten, so etwas wie “post-neoliberale” Bewegung und Periode an, die sich aus Ansätzen der Dependenztheorie und der keynesianischen Wirtschaftstheorie speisen. Von diversen linksorientierten Regierung wurde in bestimmten Regionen versucht folgendes zu implementieren:

  • Rückkehr des Staates als Regulator der Wirtschaft und federführender Akteur der Entwicklung
  • Politiken die gezielt Rücksicht auf lokale Gemeinschaften nehmen
  • Einführung neuer Politiken der sozialen Inklusion und der Wohlfahrt

Diese oberflächlich anti-neoliberal anmutenden Strategien zielen vor allem auf den Gesundheits- und Bildungsbereich ab, sind in ihrem Kern aber immer noch stark mit marktbasierten (neoliberalen) Strategien durchsetzt, insbesondere in den Bereichen der Exportwirtschaft und der Einkommensdistribution. Spätestens seit der kontinentweiten Krise der Linken in Lateinaermika, siehe dazu diesen Beitrag, sind diese Strategien wieder zunehmend ins Hintertreffen geraten.

Die indigene Alternative

Buen Vivir etablierte sich als Alternative zu Entwicklung, die von marginalisierten und durch neoliberale Politiken benachteiligten, indigenen Stämmen der Andenregion seit Jahrhunderten gelebt und nun abgeleitet wurde. Die zentralen Kennzeichen sind:

  • Soziale Ökologie
  • Praktiken der Gleichberechtigung, Nachhaltigkeit und des Friedens

Sie ermöglichen schließlich ein „besseres Leben” (buen vivir) für jedes Mitglied einer Gemeinschaft. Die “moderne Aneignung” der indigenen Entwicklungsstrategie durch linke Regierungen weist dennoch Unterschiede zu den ursprünglichen Ansätzen indigener Bewegungen auf. Es ist das Spannungsverhältnis zwischen Diskurs und tatsächlicher Implementierung und Gesetzgebung.

Ansätze des Buen Vivir

Im ursprünglichen Ansatz von buen vivir gibt es zunächst gar kein Äquivalent der indigenen Sprache zu westlichen Begriffen und Verständnissen von Entwicklung, Wachstum und Fortschritt. „Erfülltes Leben“ ist jener Begriff, jene Bezeichnung welche dem Konzept noch am nähesten kommt. Dennoch ist der ontologische Unterschied ein erster Indikator der zwei verschiedenen Ansätze: Denn westliche Entwicklung korrespondiert mit einer Ontologie westlicher Modernität die wiederum Natur und Gesellschaft separiert während dies der indigene Sprachgebrauch keinesfalls tut. Ebenso gibt es in der indigenen Ontologie keine zeitlichen Eingrenzungen von “Beginn und Ende”, somit kann es das Konzept der Entwicklung gar nicht geben da es auch den Vorzustand der Unterentwicklung nie gab. Die zentralen und in der indigenen Tradition stehenden Merkmale von buen vivir umfassen daher folgendes:

  • Gemeinschaft: ist eine Zusammensetzung aus allen Lebensformen, also keine Sozialstruktur die rein von Menschen gebildet wird, das Individuum bildet sich über und durch die Gemeinschaft
  • Natur: ist das Zusammenleben mit der Mutter Erde „Pacha Mama“, keine Separierung sondern Interkonnektivität mit allen Formen des Seins, also keine anthropozentrische sondern eine kosmozentrische Lebenssicht, daher auch keine Konzepte wie Ausbeutung oder Wachstum
  • Demokratie, Repräsentation und Bestimmung: erfolgen über Konsens im gemeinschaftlichen Entscheidungsprozess, dual-Autoritäten (Älteste etc.) und Autonomie aber keine individuellen Repräsentanten
  • Gutes Leben: bedeutet in Solidarität, Gleichberechtigung, Harmonie und Reziprozität leben, weder Konsumismus, Konkurrenz noch Profitstreben
  • Arbeit: in der Gemeinschaft und für diese führt zu Kreativität und Zufriedenheit und ist gleichzeitig ein existenzabhängiger Lernprozess
  • Spiritualität: muss im täglichen Leben Platz haben, Harmonie zwischen der materiellen und der geistigen Welt, Akzeptanz von Emotionen und ihren natürlichen Ursprüngen, daher keine Konzepte wie Irrationalität

Der westlich-modernistische und suburbane Ansatz sieht diese Elemente des indigenen Ansatzes auch in modernen, kulturellen Trends der (kritischen) Entwicklung, beispielsweise in der ökologischen, nachhaltige und solidarischen Wirtschaft, der Subsistenzwirtschaft etc., verankert. In Lateinamerika gab es daher auch Versuche buen vivir in ideologische Bahnen zu lenken, etwa in einen „republikanischen Bio-Sozialismus“.

Daraus ergibt sich der Versuch bei buen vivir einen Mittelweg aus “reduktionistischem Modell linearer kapitalistischer Moderne” und “indigenen, holistischen Fundamentalismus” zu finden, so die Forschung. Um das Modell breiter anzuwenden müssen drei zentrale Probleme gelöst werden:
– theoretisches Konstrukt
– die Konstruktion eines Entwicklungsmodells
– Definierung und Implementierung von Regierungspolitiken basierend auf den ersten beiden

Das größtes Problem bleibt aber die Umwandlung bereits bestehender Institutionen und Machtmechanismen. Buen vivir Ansätze in pluralistischen, neoliberalen Ökonomien, heterogenen Sozialstrukturen und kontradiktionären Rationalitäten anzuwenden, ist daher oftmals unmöglich oder mit enormen Widerständen verbunden.

Anwendungsbeispiel Ecuador

In Ecuador entschied man sich im Jahr 2008 auf einen neuen Verfassungsrahmen und einen nationaler Entwicklungsplan. Buen vivir wurde kurzerhand in den Verfassungsrang erhoben, das Ziel war ein breiter Ansatz der Inklusion, Partizipation und anti-neoliberalen Agenda. Die Strategie und Sprache der neuen Regierungsvorhaben fokussierten sich jedoch eher auf eine „de-neoliberalisierung“ als auf eine tatsächlichen Neudefinition der Gesellschaft und ihrer Wirk- und Handelsmechanismen. Die politischen Ziele waren teilweise näher an der „Humanentwicklung“ angelehnt als an den tatsächlichen Postulaten von buen vivir. Das indigene Modell wurde teilweise gar mit Entwicklung gleichgesetzt, was dessen Grundverständnis absolut nicht entspricht.

Wie sieht die Realität von buen vivir in Ecuador nun abseits des Papiers aus?

Die forcierte Sozialpolitik reduzierte tatsächlich weitflächig extreme Armut und brachte Wohlstandsgewinne für die Bevölkerung. Die Sozialausgaben sind in den erwähnten Bereichen Gesundheit und Bildung aber auch der Infrastruktur gestiegen. Dennoch werden die fundamentalen Ursachen für Ungleichheit immer noch weitestgehend ausgeklammert, daher haben diese sozialreformatorischen Maßnahmen auch keine langfristigen Veränderungen zu erwarten.

Die Alternativen zur Entwicklung werden nicht wirklich umgesetzt, da die Ausgaben für soziale Maßnahmen und den möglichen Paradigmenwandel immer noch über klassische Entwicklungspolitiken generiert und umverteilt werden. Das sind in erster Linie Ressourcenextraktion und Exportfokussierung, zwei Hauptkritikpunkte des buen vivir. Linke Regierungen fördern damit (bewusst oder unbewusst) traditionelle extraktive Industrien, die den Konzepten von buen vivir konträr gegenüberstehen. Somit ist auch das post-neoliberale Zeitalter Lateinamerikas keine tatsächliche Alternative zu Entwicklung.

Befürworter der modernistischen Anwendung von buen vivir befürworten dennoch deren Funktionalität. Als Ursache der schleppenden oder falschen Implementierung von buen vivir sehen sie den Zeitfaktor, da soziale Transformationsprozesse eben lange dauern würden. Zudem ist der anti-hegemoniale Grundgedanke des Konzepts immer wieder Nährboden für Konflikte und Machtkämpfe, die der Umsetzung Steine in den Weg legen.

Das Recht auf Nahrungssouveränität und Natur contra extraktive Industrien

Ecuadors Wirtschaft und Entwicklung war historisch bedingt immer abhängig von der Extraktion natürlicher Ressourcen und deren Ökonomisierung. Auch mit buen vivir im Verfassungsrang änderte sich daran nicht wesentlich etwas.

Sie gibt es immer wieder Vorhaben Ölbohrverbote in Naturschutzgebieten und Arealen von indigenen Gemeinschaften aufzuweichen. Die Haltung der Regierung zu solchen Projekten ist ofmtlas unklar und hochgradig ambivalent.

Auch der Ausbau der Minenkonzessionen gilt als Negativbeispiel und keinesfalls als Zeichen einer gelungenen Implementierung von buen vivir. Zudem kommt es weiterhin zu einer massiven staatlichen Förderung von traditionellem, monokulturellem Exportanbau im Agrarsektor. Dennoch zeigen sich vereinzelt auch Tendenzen hin zu agro-ökologischen Praktiken in der ecuadorianischen Landwirtschaft.

Beitragsbild: Hércules Florence/Wikimedia, gemeinfrei


Literaturverweise:

Acosta, Alberto (2009): Das „Buen Vivir“. Die Schaffung einer Utopie

Gudyna, Eduardo (2009): Politische Ökologie: Natur in den Verfassungen von Bolivien und Ecuador

Villalba, Unai (2013): Buen Vivir vs. Development

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