Welchen Nutzen bringt es mit sich, wenn heute jede Ausbildung eine toll klingende akademische Bezeichnung mit sich bringt, nur damit man sich selbst besser „vermarkten“ kann? Mittlerweile gibt es ein Diplom für nahezu fast alles. Kommt demnächst gar das „Weinkenner-Doktorat“?

Hochschulen liefern sich einen Wettstreit der schrillsten Grade, und Weltmeister in dieser Disziplin ist eindeutig die österreichische (kostenpflichtige) Donauuniversität in Krems. Weiterführende Ausbildungen sind zu einem unglaublich lukrativen Geschäftsfeld geworden. Durch diesen Größenwahn bahnt sich eine Entwertung der akademischen Abschlüsse und des gesamten Hochschulsystems an.

Gibt es bald ein Promotionsrecht für FHs?

Es ist sonderbar, doch die „Weiterbildungsuni“ in Krems, darf ohne ein grundständiges Studienangebot Abschlüsse auf BA und MA Niveau anbieten. FHs verhandeln mittlerweile gar über ein künftiges Recht auf Promotion. Für ein Doktoratsstudium kann eine Kooperation der Fachhochschulen mit den Universitäten genügen.

Zudem muss man hier viel individueller hinsehen und differenzieren, denn es gibt Hochschullehrgänge sowie diverse „dubiose“ Fernhochschulen, die sich für ein PhD gar nicht qualifizieren. Laut Josef Christian Aigner handelt es sich dabei um übertriebene Eitelkeit und hochgradige Selbstinszenierung bei den „Hohen Schulen“ in Österreich. Die Unis halten sich für die unverzichtbare wissenschaftliche Elite und trauen den FHs dahingehend zu wenig zu. Dafür wird den FHs wiederum ein starker Praxis und Anwendungsbezug nachgesagt.

In Wirklichkeit haben wir generell eine einschneidende Verschulung in beiden Systemen und das ist ein Grundproblem. Immer mehr wird von oben vorgegeben und es bleibt weniger Möglichkeit für die Eigenverantwortung und Freiheiten der Studentenschaft. Jedoch könnten Unis und FHs viel mehr voneinander lernen und kooperieren, ebenso sollten sich beide auf ihre jeweiligen Stärken konzentrieren und ihr Profil nachhaltig schärfen.

Wahnsinn begann mit Bologna

Im Jahr 1999 wurde die europaweite Studienreform in Bologna eingefädelt. Die Ziele der Reform waren mehr Freiheit, mehr Individualität und höhere Flexibilität. Die Entscheidung wurde damals „durchgewunken“ und mit massiver Kritik von den Hochschulen zur Kenntnis genommen. Am Beispiel Österreich wurde ersichtlich, dass das anerkannte Diplom und Magister „Titel-System“ und auch der Wert welcher diesem beigemessen wurde, teilweise untergraben sowie relativiert wurde. Dadurch sollte ein angloamerikanisches System dem traditionellen europäischen übergestülpt werden, was logischerweise von der Professorenschaft stark kritisiert wurde. Vor allem weil die Durchführung nicht konsequent war und bis heute Mischsysteme sowie absolute Unübersichtlichkeit besteht.

Bestimmte Berufslobby-Gruppen wie Ärzte und Juristen behielten ihren alt-eingesessenen Dr. med bzw. Mag. iur bei und sicherten sich ihre klaren definierten Berufsbezeichnungen. Durch die Reform sollte auch die Akademikerquote in manchen EU-Staaten erhöht werden. Eine Eurostat-Studie weist nach, dass Österreich im Jahr 2015 bei den EU-Bildungsindikatoren in Hinsicht auf die Akademikerquote der 30- bis 34-Jährigen mit 38,7 % sogar genau im Durchschnitt der gesamten EU und sogar vor Deutschland (32,3 %) liegt. Die oft strapazierte niedrige Akademikerquote ist also eine Propaganda-Lüge.

Diskussion bricht wieder los

Heute beginnt die Diskussion um das kritische Bologna-System wieder zu erstarken. Julian Nida Rümelin ist sicher, nun stehen wir vor dem Problem, dass durch das Bachelor/Master System zu viele junge Menschen zu studieren beginnen und dadurch auch das allgemeine Niveau gesunken ist, so der Münchener Professor. Exot unter der Vielzahl an Abschlüssen war ein paar Jahre nach der Reform der sog. „Bakkalaureus“, weil man sich anfangs noch nicht mit dem englischen Bachelor anfreunden konnte. Deshalb wurde zwischenzeitlich einige Jahre der Grad „Bakkalaureus“ (Bakk.) verliehen.

Studiengänge sind überbürokratisiert

Hinzu kommt, dass bei der Akkreditierung der Studiengänge heute eine überbordende Bürokratisierung vorherrscht und die Existenzfrage neuerlich gestellt werde müsste.
Unter Professoren gelten die neuen Strukturen ohnehin als unakademisch und intellektuellen-feindlich. Stefan Kühl ist ein erklärter Bologna-Gegner und kritisiert zurecht das irrsinnige Credits sammeln anstatt sich auf die Studieninhalte zu konzentrieren. Außerdem findet eine „Gleichmacherei“ statt, welche früher weit weniger stark ausgeprägt war. In Österreich gab es den Diplom-Kaufmann, wenn man wirtschaftlich studierte und einen Diplom-Ingenieur für technische Zuordnungen. Dies war klar geregelt und jeder wusste woran er ist. Aktuell hat man völlig allgemeine BA und MA Grade in den verschiedensten Bereichen aus Wirtschaft, Kultur, Sprachen etc. Derzeit wird an der Schreibweise des akademischen Grades nicht von vornherein erkannt, was dieser überhaupt bedeutet.

Neue Bewertung von Hochschulausbildungen

Es bräuchte künftig vermehrt innovative Bewertungsmechanismen und Qualitätsmerkmale, anstatt irgendwelche ach so schön klingenden Bezeichnungen in englischer Sprache. Hier könnte der Fokus beispielsweise auf die Anzahl der Semester und den Lernaufwand der einzelnen Lehrveranstaltungen gelegt werden.

Generell ist das Bildungssystem hierzulande auf mehreren Stufen bereits undefinierbar und wenig nachvollziehbar geworden. Warum gibt es für die HTL-Absolventen, einen Ingenieur, der doch noch ein Relikt aus vergangenen Zeiten ist und keinen akademischen Grad aufzeigt. Jedoch findet diese Bezeichnung durchaus gewisse Anerkennung in der Praxis.

Höhere technische berufsbildende Schulen wie HTLs dürfen also noch eine zuordenbare Berufsbezeichnung verwenden, welche vom Staat durch einen Bescheid nach einer notwendigen Anwendungserfahrung im Beruf vergeben wird. Sollte dies dann nicht auch für sämtliche höhere berufsbildende Schulen gelten? Jedoch hat ein HAK-Absolvent, der ebenso fünf Jahre Ausbildungszeit hinter sich hat, diese Möglichkeit offiziell nicht. Wenn er nach dem Abschluss Berufserfahrung sammelt, so müsste es hier doch legitim sein, zumindest die Bezeichnung Kaufmann zu erlangen. Bei einem Absolventen eines Gymnasiums stellt dies die ideale fundierte Vorbildung dar, bevor man ein geisteiswissenschaftliches Studium anstrebt. Hier war eine berufliche Bezeichnung also nicht von Bedeutung.

Aktuelle ungerechtfertigte Maßnahmen

Nun soll der Ing. sogar mit dem Niveau des Bachelor gleichgestellt werden. Die stellt eine Absurdität dar und ist zugleich eine Diskreditierung von Absolventen einer Hochschule.
Das Handwerk wird auch aufgewertet und europaweit sind Meister und Ingenieure damit auf gleicher Stufe mit den Akademikern. Selbstverständlich gilt einem Handwerk höchste Wertschätzung und Hut ab vor den technik-affinen Ingenieuren (In Deutschland ist diese Bezeichnung übrigens tatsächlich ein akademischer Grad!). Jedoch bedeutet die Gleichsetzung einen weiteren Schritt in Richtung Gleichmacherei statt Differenzierung und unterstreicht den Wahn der Akademisierung.

Jemand der für sein Handwerk lebt und durch und durch ein Techniker ist, benötigt diese Pseudo-Gleichstellung doch gar nicht. Er verdient deshalb auch keinen einzigen Euro mehr. Durch den Ministerratsbeschluss ist fix, dass berufliche Bildung mit akademischer auf die gleiche Stufe gestellt wird. Dadurch soll angeblich das Image der Lehre verbessert werden.
Die Hochschulen waren klar gegen diese neue EU–Regelung. Trügerisch ging es um die Aufwertung der Lehre und um höhere Qualität. Jedoch ist anzunehmen, dass durch die Regelung überhaupt keine Auswirkung auf eine Verbesserung der Qualität zu erwarten ist.

Beitragsbild: Bwag/Wkimedia (CC BY-SA 4.0)


Kfm. Thomas F. Eisenhut, BA MA ist Doktorand und Absolvent des Europa-Studienganges „Europäische Wirtschaft und Unternehmensführung“. Seine Schwerpunkte im Bereich Politische Wissenschaften sind Europäischer Regionalismus und Wahlrechtsentwicklungen.

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